Modul 2: Trainingsplanung & Belastungssteuerung

RPE und Herzfrequenz: Wie du deine Trainingsintensitaet sauber steuerst

7 Minuten Fortgeschritten Level A07 Drill

RPE und Herzfrequenz: Wie du deine Trainingsintensitaet sauber steuerst

Zwei Laeufer laufen dieselbe Runde mit identischer Pace. Einer ist in Zone 2, entspannt und regeneriert. Der andere ist in Zone 4, ausgelaugt und am Limit. Wie kann das sein? Die Antwort liegt in den individuellen Unterschieden – und zeigt, warum Pace allein kein verlässlicher Intensitaetsmarker ist. Wer sein Training wirklich kontrollieren will, braucht Werkzeuge, die die tatsaechliche Belastung messen: die Herzfrequenz als objektiven Marker und RPE als subjektives Gegengewicht. Kombiniert geben sie ein vollstaendiges Bild der Trainingsintensitaet – unabhaengig von Tagesform, Wetter, Strecke oder Muedigkeit.

RPE: Das subjektive Belastungsempfinden

RPE steht fuer Rate of Perceived Exertion – auf Deutsch: subjektives Belastungsempfinden. Die einfachste Version ist die Skala von 1 bis 10:

  • RPE 1–2: Fast keine Anstrengung. Spazierengehen, sehr lockeres Traben.
  • RPE 3–4: Leichtes Training. Problemlos unterhalten, nahezu muehelos.
  • RPE 5–6: Moderates Training. Sprechen moeglich, aber man merkt die Belastung.
  • RPE 7–8: Hartes Training. Sprechen nur in kurzen Saetzen moeglich. Koennte nicht ewig so weiterlaufen.
  • RPE 9–10: Maximale Anstrengung. Voller Einsatz, kaum Luft zum Sprechen.

Eine aeltere Variante ist die Borg-Skala von 6 bis 20, die urspruenglich entwickelt wurde, um Herzfrequenz vorherzusagen (Borg-Wert x 10 = ungefaehre HF). Heute wird sie im Trainingsbereich weniger verwendet, aber du wirst ihr in Sportwissenschaft und Reha-Kontexten begegnen.

RPE ist deswegen so wertvoll, weil es alles einbezieht: Muedigkeit, Stress, Schlaefmangel, Ernaehrungszustand, Hitze. An einem schlechten Tag kannst du mit demselben Tempo ein RPE von 8 erreichen, das an einem guten Tag bei RPE 5 laege. RPE erkennt diesen Unterschied – Pace nicht.

Der Talk Test ist die direkteste RPE-Anwendung: Kannst du waehrend des Laufens problemlos vollstaendige Saetze sprechen? Zone 2 (RPE 3–4). Kannst du sprechen, aber lieber nicht? Zone 3 (RPE 5–6). Einzelne Worte nur? Zone 4 (RPE 7–8). Nichts mehr? Zone 5 (RPE 9–10).

Herzfrequenz: Der objektive Spiegel

Die Herzfrequenz ist ein objektiver, koerperlicher Marker – sie zeigt, wie stark das Herz-Kreislauf-System beansprucht wird. Im Gegensatz zu Pace schwankt sie tagesabhaengig, reagiert auf Hitze, Dehydration und Muedigkeit.

Wichtige Konzepte:

Herzfrequenzdrift: Bei laengeren Laeufen oder in der Hitze steigt die Herzfrequenz bei gleichbleibendem Tempo kontinuierlich an – ein Phaenomen namens Cardiac Drift. Ursache: zunehmende Ermuedung und Fluessigkeitsverlust durch Schweiss fuehren dazu, dass das Blut dickfluessiger wird und das Herz haerter pumpen muss. HF-Drift ist normal bis zu einem gewissen Grad, aber starker Drift (mehr als 10–15 Schlaege ueber die Einheit) zeigt an, dass die Intensitaet zu hoch war oder die Hydration unzureichend.

Ruhe-Herzfrequenz als Warnsignal: Deine Ruhe-Herzfrequenz (morgens direkt nach dem Aufwachen, vor dem Aufstehen) ist einer der besten Indikatoren fuer den Erholungszustand. Wenn sie mehr als 5–7 Schlaege ueber deinem normalen Wert liegt, braucht dein Koerper mehr Erholung. Messe sie taeglich oder nutze eine Schlafuhr fuer automatisches Tracking.

Herzfrequenzzonen individuell kalibrieren: Die Standard-Formel 220 minus Alter ist ein grober Schaetzer. Individuelle Abweichungen von 10–20 Schlaegen sind haeufig. Wer genaue Zonengrenzen moechte, sollte einen Feldtest machen: einen 30-minuetigen Maximaltest oder einen stufenweis aufgebauten Belastungstest.

Die Kombination macht den Unterschied

Weder Herzfrequenz noch RPE alleine sind perfekte Instrumente. Zusammen ergeben sie jedoch ein sehr zuverlaessiges Bild:

SituationHFRPEBedeutung
Gute Tagesform, ausgeschlafenniedrigniedrigAlles optimal
Ermuedung, SchlafmangelhochhochTraining anpassen
Hitze, DehydrationhochmittelTempo reduzieren
Uebertraining (fruehes Stadium)erhoehte Ruhe-HFRPE steigt bei bekanntem TempoRegeneration notwendig
Krankheit im Anmarscherhoehte Ruhe-HFunveraendertLieber Pause

Der Donnerstags-Speed-Tag sollte bei einem RPE von 7–9 sein und die Herzfrequenz klar in Zone 4–5 bringen. Wenn die Session bei RPE 6 und Zone 3 bleibt, war es zu wenig Intensitaet. Wenn du danach noch zwei Stunden wach liegst und schlechter schlaefast – es war zu viel.

Praktische Tipps fuer deinen naechsten Lauf

  • Schreibe nach jeder Einheit dein RPE auf: Eine Ziffer pro Lauf, eine Minute Aufwand. Ueber Wochen entstehen wertvolle Muster.
  • Messe jeden Morgen deine Ruhe-HF: Direkt nach dem Aufwachen, vor dem Aufstehen. Apps wie HRV4Training erleichtern das.
  • Talk Test beim Mittwochslauf: Kannst du ein Gespraech fuehren? Wenn nicht, zu schnell.
  • Bei unverhältnismässig hoher HF: Tempo reduzieren, Wasser trinken, und hinterfrage Schlaf und Stress der letzten Tage.
  • Pace als Ergebnis, nicht Ziel: Steuere nach HF und RPE. Die Pace ergibt sich dann von selbst – und wird mit wachsender Fitness ganz von alleine besser.

Fazit

RPE und Herzfrequenz sind die zwei wichtigsten Instrumente zur Steuerung der Trainingsintensitaet – und zusammen sind sie deutlich maechtiger als jede Pace-Vorgabe. Wer beide regelmaessig verwendet, trifft kluge Entscheidungen ueber Intensitaet, Erholung und Trainingsanpassung. Fuer Campus-Runner-Mitglieder gilt: Zone-2-Mittwoch und Zone-4-Donnerstag sind nicht zufaellig gesetzt – sie sollen aktiv gesteuert werden. Mit RPE und HF hast du die Werkzeuge dafuer.

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